Berlin. Wie auf der Bühne, so gerät auch im Interview der „Grandseigneur des deutschen Chansons“ schnell ins Plaudern. Das macht Klaus Hoffmann so sympathisch. Der Berliner Schauspieler, Sänger und Autor lässt nie den Verdacht aufkommen, als müsse er sich verstellen. Bisweilen wirkt der 61-Jährige sogar etwas melancholisch, aber auch das passt zu dem einstigen Weltenbummler und Einzelkind:
Herr Hoffmann, Sie stehen mit ihrem aktuellen Programm „Als wenn es gar nichts wär“ fast täglich auf der Bühne. Sind Sie ein Workaholic, der beschäftigt werden will?
Nein, aber ich bin dauerhaft beschäftigt (lacht). Um das zu erklären, muss ich ausholen.
Bitte sehr.
Mein Kindheitswunsch war es, dem doch manchmal auch etwas tristen Dasein als Einzelkind zu entkommen und aus meinem Leben etwas zu machen. Mein Vater starb, als ich zehn war. Ich erfand früh Geschichten und träumte mich fort. Nach der Realschule machte ich drei Jahre lang eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann und haute dann mit 18 Jahren ab nach Afghanistan. Danach besuchte ich in Berlin die Max-Reinhardt-Schauspielschule und entwickelte parallel dazu meine Geschichten weiter, in Liedern und Texten. Das hat mich bis heute sehr erfüllt. Ich kann sagen, ich bin ein reicher Mann.
Im Sinne von Glück und Erfahrung?
Ja, nur so, nicht materiell. Es ist ja nicht immer so, dass es erquicklich ist, was man macht. Glück ist nicht mit Geld und Eitelkeit verbunden. Sondern man folgt seinen Füßen, seiner Berufung. Im Grunde frage ich mich in meiner Musik immer wieder, warum und wozu ich da bin. Das muss einfach mehr sein als essen, trinken, schlafen.
Reflektieren Sie viel?
Na klar. Ich bin aber kein Grübler. Ich liebe es, zu schauspielern, zu schreiben und zu singen. Das sind meine drei Eckpfeiler. Ich liebe es auch, Menschen zu unterhalten. Das habe ich nicht immer so gekonnt wie heute, sondern habe es durch den Beruf erlernt.
War die Erfahrung der frühen Lehre auch ein Grund, dem normalen Arbeitsleben den Rücken zu kehren?
Ja, das kann man sagen. Ich hatte natürlich auch das große Glück, sehr früh die Titelrolle in der Verfilmung von „Die neuen Leiden des jungen W.“ zu bekommen. Davor habe ich beim Theater Leute wie Dieter Borsche kennengelernt. Das war alles unglaublich spannend und lehrreich, mit 24 Jahren habe ich mich dann endgültig für das Künstlerleben entschieden. Ich komme ja aus bescheidenen Verhältnissen und wollte damals die klassischen Klischees bedienen: jung, berühmt, gut aussehend, viel Kohle und eine Menge Frauen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mich etwas anderes lenkt. Das ist ein großes Glück. Deswegen kann ich auch sagen, ich arbeite gerne viel, ich kann das alles gebrauchen, was ich so sehe und erlebe.
Warum haben Sie die Schauspielerei denn vernachlässigt?
Ich bin ausgestiegen, als ich am Thalia-Theater in Hamburg tätig war. Damals habe ich meine letzten wirklich tollen Filmangebote erhalten, hatte zuvor noch mit Regisseur Ingmar Bergman gearbeitet. Aber ich kriegte das alles nicht mehr zusammen, weil die Theaterinszenierungen und die Filmangebote immer schlechter wurden. Da hatte ich den Mut, den Sänger in mir stärker nach vorne zu holen. Und diese Rolle hat mir ja bis heute immer wieder dazu verholfen, ab und zu auf der Theaterbühne tätig zu sein. Durch das Schreiben von Büchern habe ich jetzt wieder Lust auf Filmarbeit bekommen. Solche Möglichkeiten zu haben ist schon ein großer Luxus. Das erinnert mich an Charles Aznavour oder Hildegard Knef, denen es ähnlich ergangen ist.
Haben Ihre Lieder eine therapeutische Wirkung auf Sie?
Das ist ja oft so, zum Beispiel bei Bob Dylan, Leonard Cohen und Jacques Brel. Joe Cocker würde auch wieder saufen, wenn er nicht singen würde.
Was haben Sie überwunden, Ihre Kindheit?
Das sagt sich so einfach. Ich habe als Kind ja auch viele Geschenke bekommen, ich musste nicht Not leiden. Der Vater war eben zu früh gegangen. Aber dadurch habe ich einen inneren Motor entwickelt, manisch zu arbeiten. Die Musik half mir, auf dem Teppich zu bleiben, auch die Theaterarbeit gab mir Halt und Bodenständigkeit. Ich bin heute 61 und fahre immer noch die ganze Republik rauf und runter, um zu singen. Kein normaler Mensch singt über 40 Jahre lang. Früher sagte man, die Leute haben Hunger, wenn sie singen. Das stimmt: Man singt, um gehört und gesättigt zu werden.
Gibt es keine Abnutzungserscheinungen?
Nicht wenn man immer wieder Pausen dazwischen einlegt. Ich mache ja nicht mehr als Max Raabe oder mein Freund Reinhard Mey. Wir arbeiten alle manisch. Selbst der alte Aznavour macht mit 88 Jahren noch seine 60 Termine im Jahr. Oder Nana Mouskouri. Aber das ist mein Beruf. Da muss ich fit sein, auf mein Gewicht achten, Pausen nehmen, aber auch ertragen. Ich bin zum Beispiel gerade sehr gut drauf, weil ich im Studio wieder eine schöne Idee hatte. Es ist ja immer ein Monolog, den der Künstler mit sich selbst führt, wenn er im Kämmerlein etwas ausprobiert und dann erst zu den Leuten rausgeht. Aber es ist auch ein großes Geschenk.
Fallen Sie nach der Tournee in ein mentales Loch?
(lacht) Anfangs ja. Man setzt sich den Helm mit der Grubenlampe auf und geht dann zum Italiener, wie sich das gehört. Das machen doch alle.
Um bei Pasta und Vino runterzukommen?
Abzuschalten. Wenn man so unterwegs ist, kommt man auch nach Flensburg oder Mühlheim. Das sind ja nicht gerade Städte, wo der Euro neu gewickelt wird. Manchmal sieht man aber auch wunderbare alte Theater, in denen es Spaß macht zu spielen. Man kann ja nicht nur im Friedrichstadtpalast auftreten. Letztens war der Erzbischof von Essen in meinem Konzert. Ich dachte noch, was will denn der hier? Aber er hat ganz brav nachher noch eine CD gekauft. Gerne hätte ich noch mit ihm gesprochen, aber er war schon weg. Was will ich sagen: Nur im Turm sitzen und Platten machen, so wie Abba in ihrer Spätphase, das bringt’s nicht. Du musst deinem Leben auch einen Sinn geben. Ich wäre gern Journalist geworden, aber dann bräuchte ich nicht mehr zu reden. Ich quatsche nun mal gerne.
40 Jahre Chanson bedeuten 40 Jahre am Rande des Mainstreams. Hatten Sie nie den Wunsch, ein Popstar zu sein?
Ja, eine Zeit lang, als Herbert Grönemeyer mich überrundete und die Millionen verdiente. Damals wurde ich immer gefragt, ob ich nicht neidisch sei. Im Deutsch-Pop war ich aber überhaupt nicht zu Hause, obwohl ich ganz gute Angebote erhielt. Ich habe ja auch einige Platten gemacht, die sich gut verkauften. Der Schauspieler in mir drängte aber immer zum Chanson und zum Singer-Songwriter, weil ich mich dort besser ausleben konnte. Ich fand auch immer, dass Freddie Mercury oder besser noch David Bowie eigentlich Chansonniers waren, die aber den lauten Biss und die Pose der Rock’n’Rollers hatten.
Warum war gerade Jacques Brel Ihre Schlüsselfigur?
Ich entdeckte zuerst seine Stimme, dann seine Texte. Brel war jemand, der von dem sang, was mich bewegte, der die Ängste und Sorgen, Zorn und Glück der Leute um mich herum ausdrückte. Brel hatte auch so eine Traurigkeit. Dadurch traute ich mich überhaupt, solche Gefühle auf der Bühne zu zeigen. Meine Lieder waren dann so traurig, dass ich mir später meine eigenen Platten nicht mehr anhören konnte. (lacht) Aber die Leute brauchten damals so eine Figur. Jetzt bin ich ja fast so eine Art Komödiant. Aber im Grunde ist das alles Operette, was wir machen.
Wie meinen Sie das?
Wenn Freddie Mercury rausging, „Wir sind die Champions“ schmetterte und dazu einen Königsmantel und eine Art Whopper-Krone trug, dachte man doch, der hat sie nicht alle. Oder Elton John mit seinen verrückten Brillen und seinem Hechtsprung über das Klavier. Die sind Operetten-Typen, die wir alle brauchen, weil die meisten nicht aus unserer Haut herauskönnen. Ich bin dann eher so in Richtung Frank Sinatra oder Bryan Ferry gegangen, ein Mann im blauen oder grauen Anzug, der seine Geschichten erzählt. Im Grunde inszeniere ich Kopfkino. Ich rede viel und bringe das Publikum in eine andere Welt mit Barhocker, einem Pianisten, mit Band und Orchester.
Haben Sie noch Lampenfieber?
Ja klar. Es kommt darauf an, wen ich im Publikum vermute. Da kommt mein altes Schülerverhalten zum Vorschein: Wenn der Mathelehrer im Zuschauerraum sitzt, fange ich an zu zittern.
Sie haben viele Songs über Berlin geschrieben. Ist es eine Art Hassliebe, die Sie mit Ihrer Heimatstadt verbindet?
Was heißt Hassliebe? Wenn ich in Bielefeld lebte, würde ich auch unglaublich über die Oetker-Halle herziehen. Aber ich liebe natürlich auch meine Stadt. Ich bin da geboren, hier ist mein Kiez, mein kleines Kino und der Krämerladen. Und gleichzeitig ist es eine alte Verbindung, eine alte Liebe, wo du morgens schon sagst: Mann, was geht mir der Humor von der Ollen auf den Keks. Oder: „Weeste, wie teuer ’ne Kurzstrecke ist? Wat wees ick, hab ick die jebaut?“ Oder einer will dich sofort von der Fahrbahn rammen, bloß weil du da bist. Das ist schon sehr widersprüchlich.
Was sagen Sie zum Flughafendesaster?
(lacht) Wenn wir das nicht hätten, dann hätten wir ein anderes Problem. Jetzt haben sie sich festgehakt, weil sie die Dimension unterschätzt haben. Ständig läuft etwas aus dem Ruder: Wenn es der Flughafen nicht ist, dann fällt die Bahn aus. Wenn die Bahn nicht ausfällt, dann wird der Euro umgestellt oder was weiß ich. Aber wir müssen damit natürlich leben. Immer nur nach den Schuldigen zu suchen bringt nichts. Die Verantwortlichen müssen den Flughafen jetzt auf die Reihe bringen, und dann ist das auch o.k. so.
Hat Ihre Reise nach Afghanistan Ihr Leben geprägt im Sinne einer Horizonterweiterung?
Wer einmal abhaut, der haut immer ab, sagt man. Nicht nur wegen der Dinge, die du in der Fremde findest. Ich habe die Reise zweimal gemacht. Beim ersten Mal bin ich sehr krank zurückgekommen und war froh, wieder zu Hause zu sein. Die Armut, die ich dort sah, hat mich sehr bewegt und fasziniert. Auch, weil sie einer Bodenständigkeit entsprach, die es im Berlin der Nachkriegszeit gab, die kaputten Häuser sahen ähnlich aus wie in Kabul. Die Gastfreundschaft der alten Afghanen war mindestens so ausgeprägt wie die in meinen Verwandtenkreisen in Berlin. Ich habe erst viel später verstanden, dass diese Bodenhaftung auch zu mir gehört, weil ich immer ein Stück vor der Armut abgehauen bin.
Ein gutes Gefühl?
Absolut. Denn wenn du das kapierst, bist du gewappnet. Viel mehr, als wenn du dir den ganzen Tag Gedanken machen würdest, wie du zum Beispiel die Überziehungskredite bezahlst oder so etwas. Ich glaube sogar, dass die Welt sich verdrehen wird. Wir werden eine andere Einstellung zu Arm und Reich bekommen müssen, sonst bleiben einfach unglaublich viele Menschen auf der Strecke.
War nicht der ursprüngliche Grund, nach Afghanistan zu gehen, eine Art Drogentrip?
Drogen nicht, weil ich viel zu viel Angst und Respekt vor Drogen habe, bis auf die übliche Kifferei. Aber das war mehr eine Schlafmütze, die man suchte. Eine Flucht, um einfach mal aus diesem eingemauerten Berlin rauszukommen. Auch eine Flucht vor meinen Leuten, meinem Elternhaus, das mir spießig und langweilig vorkam. Deswegen bin ich ja so ein Romantiker. Der Taugenichts zieht los und fährt einfach so nach Italien. Das können ja viele Kids heute gar nicht mehr, sich irgendwo im Süden an die Strandpromenade zu setzen, mit einer Latzhose, höchstens 200 Mark in der Tasche und einer Gitarre, aber null Plan, wie es morgen weitergeht. Das ist heutzutage wieder großer Luxus, wenn man das kann.
Vermissen Sie die alten Zeiten?
(lacht) Sie suchen nach einem Aufhänger. Ich suche heute nicht mehr so viel, ich habe das meiste gefunden. Das gilt auch für das Bühnenprogramm „Als wenn es gar nichts wär“, mit dem ich gerade unterwegs bin. Ich sage zu meinem Pianisten Hawo Bleich: Lass uns darauf setzen, was wir beide haben. Ich bin jetzt 61 Jahre. Vor ein paar Wochen telefonierte ich mit Erika Pluhar, mit der ich mal einen Film machte. Ich konnte kaum glauben, dass sie schon 71 ist. Sie sagte, sie habe gar keine Zeit mehr, sich nach guten Rollen umzugucken. Sie singe, schreibe, und wenn ein gutes Drehbuch komme, dann mache sie das. Aber sie würde nicht mehr wie eine Blöde durch die Welt rennen. Wie lange soll man das auch mitmachen?
Laufen Sie ständig mit dem Notizblock herum?
Ja, aber ich lese nie nach. Es bleibt im Grunde eine Zeile, und das meine ich nicht kokett: „Es fängt alles wieder an“. So heißt das erste Lied meiner neuen Platte. Hawo fragte mich: Was meinst du, was fängt denn an? Und ich: Alles, was wir bisher gemacht haben.
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