|
Die
Kneipe ist überfüllt. Menschenmassen, Körper, die vorschieben.
Irgendwo mitten drin der Sänger, lächelnd, schreibend, händedrückend,
atemlos. Ich wage nicht, den Kampf mit den Massen aufzunehmen.
Dann plötzlich Flucht nach vorn. Weg vom Theater, vom Fernsehen,
von der Schauspielerei.
»Vielleicht wieder, wenn es eine wirklich
starke Rolle gibt. Eine Geschichte, die mir entspricht. Aber so wie in
der jetzigen Form - nie wieder. Solange es nicht wirklich Rollen und Stücke
sind, mit denen ich mich ebenso identifizieren kann wie mit meinen Liedern,
werde ich ausschließlich singen.«
Klaus Hoffmann schert aus. Geht nicht den
sicheren Erfolg zum Starruhm, tanzt nicht auf jeder Hochzeit, jeder Party,
jedem Schnickschnack, jeder Fernsehserie. Er könnte jahrelang den
problembeladenen Jungen spielen, Dutzende von Abziehbildern von Plenzdorfs
Bühnenheld. Er wäre immer gut als jugendlicher Liebhaber älterer
Damen zu besetzen. Austauschbar. Wenn er gerade nicht frei ist, ist es
ein anderer. Und umgekehrt. Er zieht sich zurück. Schreibt, komponiert,
reist, lebt. Holt Tträume nach, die zu erfüllen sind. Sucht
sich und seine Identität. Spurensuche nach den Ruinen der verlorenen
Unschuld.»Ich beschreibe in meinen Liedern nur meine eigenen Erfahrungen.
Meine Schwierigkeiten, meine Entwicklungsprozesse. Ich weiß, daß
sich die Leute angesprochen fühlen, wenn ich ganz ehrlich und ganz
konsequent von mir selbst erzähle.« Seine Texte sind ungeschminkte
Erfahrungsberichte. Fragen an sich und an die Umwelt, an das Miteinander,
ans Warum nicht? Beobachtungen aus dem Blickwinkel eines Staunenden, Verwunderungen
eines Ungläubigen.
Er schafft Distanz zur eigenen Biographie,
wird zum Sprecher vielschichtiger Lebensläufe, zum Biograph seiner
Generation. Er läuft bewußt auf die Konfrontation mit sich
selbst zu, stellt sich immer wieder dem Moment der Entscheidung. Auf der
Bühne vergißt er alle Fragen, alle Hemmungen und Ängste.
Er ist ganz da - ungehemmt, sicher und stark, doch er bleibt verletzbar.
Das Publikum spürt seine Gefährdungen, liebt ihn dafür
nur um so mehr. Er singt von der Stadt, in der er lebt, die er lebt und
an der er leidet. Von Schmerz. Von Momenten des Glücks. Und von der
Zeit dazwischen. Von Frauen, jungen wie alten, von Disco-Mäuschen
und Marktweibern. Von Männern, die diesen Frauen nachjagen, von den
coolen Städtern, den Geschäftemachern, den Kriegern und von
Männern, die Männer lieben. Und immer wieder von sich selbst.
Und damit von jedem einzelnen im Publikum.
Berlin, Theater des Westens, irgendwann in
den achtziger Jahren. Ich weiß nicht, wie viele Platten Klaus Hoffmann
inzwischen herausgebracht, wie viele Lieder er geschrieben hat. Ich habe
seine Lieder immer wieder gehört - in Konzerten, auf dem Plattenspieler.
Die Nähe ist geblieben. Leo Ferre singt. Eine Säule des französischen
Chansons. Irgendwann, ich hab's noch im Ohr, hat Klaus Hoffmann bei einem
Konzert sein Lied «Avec les Temps« auf deutsch gesungen, als
x-te Zugabe, als man ihn auch eine Dreiviertelstunde nach eigentlichem
Konzertende noch immer nicht von der Bühne ziehen lassen wollte.
»Doch mit der Zeit ...« sang er da, hielt er symbolisch das
Blatt mit dem Text in der Hand, ein Rattenfänger, dem sein Publikum
überallhin gefolgt wäre.
In der Masse steht er plötzlich da.
Kein Star. Nur Fan - von dem, der da auf der Bühne steht, sich Seele
und Stimme aus der Kehle singt. Uneingeschränkte Bewunderung, Hingabe,
Liebe, Verehrung. Außer ihm ist kein deutscher Sänger in dem
Konzert. Es leben genug in Berlin, doch keiner hat sich aufgemacht. Nur
Hoffmann. Nicht als Hoffmann. Als Klaus - Fan, Verehrer, Liebender.
|