K L A U S H O F F M A N N P O R T R A I T

 

Da gibt es diesen Moment der Scheuheit wieder. Bei ihm. Bei mir. Aufeinanderzugehen, abbremsen. Dennoch - »ruf mal an. Laß uns mal wieder quatschen. Ich bin die ganze nächste Zeit in der Stadt.«


Vertrautheit, Zuneigung, Distanz: »Männer sind doch nicht gewohnt, sich zu öffnen«, sagt er. »Das starke Geschlecht in meinen Liedern sind immer die Frauen. Aber so wie es bei mir bescheuerte Alte und Spießer mit 18 gibt, so gibt es bei mir unter der Männern wie unter der Frauen Idioten. Nur der Narr, das Kind, wird Sieger sein, indem er liebt.« Von dem Moment an, wo er nicht mehr einfach nur verkörpern wollte, was andere zu erzählen hatten, teilte er mit, was er selbst zu sagen hatte. Dafür gab es den deutschen Kleinkunstpreis und den Deutschen Schallplattenpreis. In Ost-Berlin sang er vor 6000 begeisterten Zuhörern. Auftritte in Frankreich, Griechenland und seine Tourneen bestätigen den Erfolg, den Hoffmann immer versucht herunterzuspielen.

Er will nicht der Star, Folie fremder Träume sein. Will Kumpel bleiben, durch die Straßen latschen können, ohne seinen Namenszug schreiben zu müssen, sein Bier in der Eckkneipe trinken, ohne auf den Sänger im Rampenlicht angsprochen zu werden. Er will frei bleiben, seine Freiheit erhalten, und er weiß doch zugleich, daß er damit an die Grenzen seiner Möglichkeiten stößt. Trotzdem ... Wenn er singt, dann singt er immer noch mit Jacques Brel, dem unvergessenen französischen Chansonnier aus Belgien. Nach Brels Tod hat es auch in deutscher Sprache Nachdichtungen und Interpreten seiner Lieder zuhauf gegehen. Doch Hoffmann sang schon Brel, als dessen Werke noch als Kassengift auf dem deutschen Markt gehandelt wurden.


»Zuerst waren seine Lieder, eigentlich noch mehr seine Stimme, nur so ein Gefühl für mich. Das klang anders als alles, was ich sonst gehört hatte. Dann entdeckte ich seine Texte. Da war einer, der von dem sang, was mich bewegte, der die Ängste und Kümmernisse, den Zorn und das Glück der Leute um mich herum ausdrückte und ihrer Welt eine Sprache gab.«


Brel und Hoffmann. Brel, Sohn aus großbürgerlichem Haus, wohlhabend, die Zukunft verplant, Schritt für Schritt angepaßt - Erziehung, Job, Heirat, Kinder, Glück, Ende. Das wäre es fast gewesen - mit Mitte zwanzig. So hätte es weitergehen können. Doch es erfolgte der Ausbruch, die Flucht nach Paris, die Tage und Nächte im windigen Warten auf die Chance. Schließlich der Durchbruch, die Spitze.


Hoffmann und Brel: »Ich komme aus einem kleinbürgerlichen Berliner Haushalt, bin aber mehr oder weniger mit meiner Mutter aufgewaschen, da mein Vater früh starb. Meine Mutter ist an sich eine Proletarierin, hat in einer Fabrik gearbeitet und nach dem Tod meines Vater einen Mann kennengelernt, der auch Arbeiter war. Ich habe dann irgendwann eine Gitarre geschenkt bekommen, bin in Clubs rumgelaufen, hab' dort ein bißchen versucht, Musik zu machen. Zu Hause habe ich mich nicht sehr wohl gefühlt. In den Clubs hatte ich die Möglichkeit, mich mit anderen Leuten zu unterhalten. Ich hatte ja keine Ahnung von Theater oder Songs und Musik im klassischen Sinne. So bin ich im Grunde erst über andere Künstler dazu gekommen, nachher auch über mich zu schreiben oder über das, was ich für andere empfinde oder gesehen habe.«


Von deutschen Brel-Interpretationen zu eigenen Texten war es nur noch ein kleiner Schritt. Heute sind Hoffmanns Brel-Lieder eine Hommage an sein großes Vorbild, an den unbekannt gebliebenen Vertrauten, von dem er sich längst emanzipiert hat. Die Liebe zu Brel wird sicher bleiben, aber sie hat sich gewandelt. Jetzt singt nicht mehr sein Schüler, sondern sein Freund, Kumpel, Bruder. Geschichtenerzählen. Kaffee, Zigaretten, (für mich), Essen. Ohne Kugelschreiber. Ohne Fragen. Ohne Antworten. Oder - miteinander quatschen, Antworten suchen, hinterfragen.